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Chris Lohner, USA 1961/62

Ich habe es geschafft! Ich bin für ein Jahr Austauschstudentin des American Field Service in den USA.“                                                                                                                                                So begann mein Tagebuch meiner abenteuerlichen Reise in eine neue Welt, in DIE neue Welt.

Heute, im Abstand vieler Jahrzehnte, weiß ich, es war eines der wichtigsten Jahre meines Lebens! Was ich in den USA damals für mich und über mich gelernt habe, hat mich zu der gemacht die ich heute bin:                                                                                                                                     Weltoffen, kritisch, neugierig, empathisch, hilfsbereit und voller Liebe zu Menschen und zum Leben. Aber nicht nur das! Beim Kennenlernen aller Hautfarben der Welt rund um mich herum sind Hautfarbe, Herkunft und Aussehen plötzlich Nebensache geworden. Ich habe das alles nicht mehr wirklich wahrgenommen.  Persönlichkeit, Haltung, Weltanschauung, das hat mich einfach viel mehr interessiert und fasziniert und so ist es auch bis heute geblieben.

Das hat der Aufenthalt mit AFS mit mir gemacht: Mir ein wertvolles Geschenk für mein Leben mitgegeben: Dinge klar und ohne Vorurteile zu sehen, vor allem auch jetzt, in einer Zeit, in der diffuse Ängste geschürt werden, Unsicherheiten das Leben komplizieren. Ich kann nur allen Eltern auf dieser Welt raten, wo auch immer sie zu Hause sind, schickt eure Kinder mit AFS in die Welt, falls es irgendwie möglich ist. Egal wohin. Schenkt ihnen die kostbarste Erfahrung im Erwachsenwerden für das ganze Leben. Für ein Leben in Toleranz, Güte und Herzenswärme, für ein friedliches Miteinander auf dieser Welt!

Sie hat es dringend nötig!

 

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Günter Bischof, USA 1972/73

Dass AFS seit 70 Jahren junge Menschen in alle Welt schickt, zeigt wie wichtig dieses Programm gewesen ist über die Jahre, jungen Österreichern über die Welt die Augen zu öffnen. In meinem Jahr gingen, so meine ich mich zu erinnern, 72 Österreicher in die USA. Heute ziehen sie in die ganze Welt. Es stimmte mich nachdenklich, als vor Jahren ein junger Österreicher in der AFS-Zeitschrift Interkultura zitiert wurde, er gehe in die USA “um den Feind kennzulernen.” Nichts wäre mir ferner gewesen. Ich ging in die USA, damals das Zentrum der Weltpolitik, um ein aufnahmebereites Land mit vielen freundlichen Menschen kennzulernen, die mit der Politik ihrer Regierung nicht einverstanden waren (wie das heute auch der Fall ist). Mein lebenslanges Interesse an den USA habe ich dann mit einem Studium der amerikanischen Geschichte zum Beruf gemacht. Mein AFS Jahr war für meine intellektuelle Formierung also ganz enscheidend. Und AFS (wie Fulbright) ist die Organisation, die über die Jahre viel guten Willen zum gegenseitigen Verstehen von Menschen und Kulturen beigetragen hat. Solches Verstehen – in unserer xenophobischen Zeit — ist heute notwendiger den je! AFS – “Ad multos annos!

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Heinz Traxler, USA 1949/50

Unsere Zeitreise führt uns ganz an den Anfang, an die erste AFS Reise überhaupt, welche 1949 von Österreich aus begann. Fünf Jugendliche, Heinz Traxler und Inge Scherb aus Wien, Othmar Ulbing aus Klagenfurt, Elisabeth Hohenauer aus Innsbruck und die Studentin Beatrix Blechner waren die ersten AFSerInnen, welche ihr Schulprogramm von Österreich aus starteten. Mit einem Schlafwagen ging es von Wien aus nach Paris. In der Früh angekommen, verbrachten die Jugendlichen den Tag über in der Stadt. Am Abend ging es mit dem Zug weiter nach Le Havre. Dort bestiegen sie die „Marine Tiger“, einen Truppentransporter aus dem 2. Weltkrieg, der die SchülerInnen gemeinsam mit etwa dreißig Europäern nach New York brachte. Die Reise über den Atlantik dauerte zehn Tage, wovon fünf Tage stürmisch waren.

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Doris Strauss, USA 1996/97

Mit google-maps kann ich jeden noch so entfernten Winkel der Erde ansehen. Aber kein virtueller Rundgang und keine 3-D-Brille können nachempfinden, welches Gefühl ich im Bauch hab, wenn mir an einem fremden Ort die Sonne das Gesicht wärmt und mir fremde Geräusche eine neue Welt eröffnen.

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Und weil AFS diese Gefühle im Bauch auslöst, wünsche ich uns, dass wir noch viele weitere Geburtstagsfeiern haben!

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Ulrike Lunacek, USA 1973/74

Zu meiner AFS-Zeit, die mittlerweile fast ein halbes Jahrhundert zurück liegt, gab es ein Lied, einen Spruch, der uns alle einte: „Walk together, talk together, all you people of the world, then and only then will we have peace.“ Wie wohl junge Menschen aller Generationen glaubten wir daran, dass der Friede auf diesem Planeten tatsächlich möglich ist – und mußten später erkennen, dass dem in dieser Absolutheit nicht so ist. Aber die Überzeugung, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft, Hautfarbe, Kultur, Religion friedlich und offen und interessiert in einer Gesellschaft leben können, dass Dialog Vorurteile überwinden kann, wenn ein (positives) Interesse am anderen, an der anderen geweckt ist, diese damals gelernte Überzeugung, die tragen wohl die meisten AFSerInnen dieser 70 Jahre in ihrem Innersten durchs Leben – und haben damit auch dieses Land im gemeinsamen Europa geprägt. 

Diese Überzeugung hilft dabei, auch in Krisenzeiten die Hoffnung nicht zu verlieren, dass positive Veränderung, dass ein Zusammenleben ohne Angst und Hetze und Gewalt möglich ist. Diese Botschaft ist heute wieder nötiger als noch vor einigen Jahren. In diesem Sinne danke ich allen, die sich über Jahrzehnte für und mit AFS engagiert haben und dies in Gegenwart und Zukunft tun. Weiter so!

Gernot Winter

Gernot Winter, USA 1990/91

Ich hatte gehofft, nach Japan zu kommen, das war auch meine erste Option. Als ich dann erfuhr, dass ich in die USA gehen würde, hoffte ich auf New York City oder Los Angeles/San Francisco, eine Stadt sollte es sein. Mit den Unterlagen meiner Gastfamilie bekam ich dann auch die Adresse zugeschickt:  2500 E Desert Lane, Gilbert, Az. Das Örtchen Gilbert konnte ich in keinem der mir zugänglichen Atlanten finden.

Ich reiste also mit gemischten Gefühlen in die Wüste im Nirgendwo – und hatte dann ein herrliches Jahr, voller Freude, Abenteuer und tollen Erfahrungen, die mich bis heute prägen.

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Thomas Frühwald, USA 1968/69

Ich verbrachte mein Austauschjahr in St. Louis Park, einem Vorort von Minneapolis, Minnesota, lebte bei einer wunderbaren Gastfamilie und besuchte die St. Louis Park High School. Meine Gastfamilie war in jeder Hinsicht super, es war eine untypische Familie. Die Gastmutter war aus Finnland, meinen Gastvater hat sie beim Peace Corps in Finnland kennengelernt. Dadurch war mein amerikanischer Alltag skandinavisch geprägt. Teils wurde Finnisch gesprochen und es wurde finnisch gekocht. Es gab viel Fisch und Gemüse. Während meine AFS Kollegen während des Schuljahres  meist zugenommen haben, habe ich durch die skandinavische Küche sogar an Gewicht verloren. Meine Gasteltern waren sehr liberal und auch politisch aktiv. Mein Gastvater, Professor für Familiensoziologie, unterstützte die Präsidentschaftskampagne von Hubert Humphrey, dem Gegenkandidaten von Richard Nixon.

Sonja Watzka, Island 1985/86

Mein Island-Jahr hat rundherum für viel Aufsehen gesorgt, und ein Land ins Gespräch gebracht, das damals in den 1980-er Jahren noch kaum touristisch erschlossen war.  Wahrscheinlich wurde ich zu unzähligen beruflichen Bewerbungsgesprächen nur eingeladen, weil alle wissen wollten, WAS ich EIN JAHR LANG in Island gemacht habe;-) Diese Frage kann man leicht beantworten, aber was sich „dahinter“ abgespielt hat, ist natürlich für die Entwicklung eines jungen Menschen viel wichtiger, und DAS erleben wahrscheinlich alle AFS-er ähnlich: man wird einfach unglaublich für das ganze Leben gestärkt! Wer es schafft, sich aus dem geschützten Nest der eigenen Familie quasi alleine in ein fremdes Land zu gehen und sich dort zurechtzufinden, der wird nicht nur offener anderen Nationen und Kulturen gegenüber, sondern öffnet ja auch die eigene Persönlichkeit: der Blick von außen auf das eigene Land und die eigene Person öffnet Raum für neue Sichtweisen. Insgesamt kommt man wesentlich offener, reifer, stärker und selbstbewusster zurück, und ist auf seinem Weg durchs Leben auf jeden Fall sicherer und entspannter unterwegs.

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Fritz Otti, USA 1960/61

Im Gegensatz zu uns Menschen haben Organisationen die Möglichkeit, dem Alterungsprozess durch Regeneration und Veränderung entgegenzuwirken. Und so ist unser AFS in Österreich heute genauso vital und bedeutend wie vor 70 Jahren, als die ersten Jugendlichen aus Österreich in die USA aufbrachen. 1949 galt die Programmidee „die Siegernation lädt die Kinder der Verlierer des 2. Weltkriegs ein, um zum gegenseitigen Verständnis und zum Frieden in der Welt beizutragen“. Heute stehen interkulturelles Lernen und Persönlichkeitsbildung im Vordergrund, und aus bilateralen Programmen mit den USA ist ein multinationales Netzwerk entstanden. Das Anliegen, Familien und Jugendlichen eine fremde Kultur nahezubringen, und dabei gegenseitiges Verständnis und Empathie zu entwickeln, ist aber heute genauso – oder sogar noch wichtiger – als vor 70 Jahren. In diesem Sinne: ad multos annos, liebes AFS! Österreich und die Welt brauchen Dich.“

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Markus Langer, Kanada 1984/85

Ein Auslandsaufenthalt war damals bis auf wenige Rahmenpunkte unbestimmt. Man ist weggefahren – natürlich mit dem AFS-Sicherheitsnetz rundherum – aber sonst – wies kommt wars super! Heute habe ich das Gefühl man lebt nicht mehr im Ausland, sondern man konsumiert einen Auslandsaufenthalt. Inhalte, Qualität, Sicherheit, … alles muss bis zum letzten Punkt klar sein, verfügbar sein, funktionieren. Man zahlt ja dafür. Und via Internet ist man eigentlich ohnehin nicht weg. Ausnahmen bestätigen die – neue – Regel! Durch den Konsumhintergrund, das Internet und die Leistungserwartung an die SchülerInnen, die Schulen, die Gasteltern, die Organisation, usw. geht das Erleben, das Spannende und die Herausforderung in vielen Fällen teilweise, oft aber scheinbar ganz verloren. Der durch den Markt geforderte (!) Wandel von einer Friedensorganisation mit Lernerfahrung hin zu einem vermarktbaren Bildungs-Produkt mit Bling, hat den TeilnehmerInnen und der Organisation nicht gut getan. Es geht aber sicher kein Weg zurück. Wichtig ist daher, dass der völkerverständigende Kern von AFS nicht verloren geht! Aber dafür gibt es die AFSerInnen und nicht zuletzt auch unser tolles Büro!

Helmut Schuster, USA 1977/78

AFS has been around for more than 100 years. What started with ambulance drivers in two world wars turned into organization that aimed to prevent war rather than mitigate the consequences of war. I am proud to see AFS Austria turn 70 and I am equally proud to have been part of this journey. I have had the privilege to meet the most amazing people through AFS and have the most inspiring experiences, I am encouraged to see AFS Austria regrouping , refocusing and confidently creating a new and exciting future with renewed purpose and energy.

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Willi Plesser, USA 1974/75

70 Jahre AFS Österreich heisst, dass die ersten Austauschschüler 1949, also kurz nach dem 2. Weltkrieg, in die USA gefahren sind. Unglaublich. Ich erinnere mich, dass Heinz Traxler, einer der ersten AFSer aus Österreich, mir einmal davon erzählt hat. Er war Wiener und erinnerte sich an die schwere Besatzungszeit und wie seine Mutter das Glück hatte, dass in ihrem Haus eine russische Offizierin Quartier nahm, sodass seine Mutter etwas besser geschützt war als andere Frauen, die mit ihren Kindern allein in der russischen Besatzungszone lebten. Überfahrt mit dem Schiff, nach Amerika, in die Freiheit. Auch wenn 1974, als ich in die USA fuhr, das Abenteuer immer noch ein ganz grosses war – ich fuhr das erste Mal in meinem Leben ins Ausland, so ist es doch in keiner Weise vergleichbar mit den ersten Jahren des AFS. Die ursprüngliche Idee, durch Schüler- und Jugendaustausch zur Völkerverständigung und zum Frieden beizutragen, insbesondere auch um Kriege, die zu den furchtbarsten Ereignissen, die einer Menschheit widerfahren können, zu verhindern, ist aber immer noch dieselbe und hat noch immer unveränderte Wichtigkeit. Auch wenn wir 70 Jahre danach den Frieden für selbstverständlich erachten, so ist er es nicht, und die Idee des AFS ist, wenn auch in anderer Form, gleich wichtig wie vor 70 Jahren. Dies ist auch einer der Gründe, worum ich mich von Anfang an für das AFS engagiere.

Vera Russwurm by Manfred Baumann Dez 2018

Vera Russwurm, USA 1977/78

Mein AFS-Jahr in Texas hab ich als ganz, ganz großartiges Jahr erlebt!
Nicht nur, weil ich eine wunderbare Familie hatte, mit der ich bis heute in liebevollem Kontakt bin,
nicht nur, weil ich dadurch mit einigen AFSern aus aller Welt bis heute befreundet bin – letztes Jahr hatten wir sogar eine eigene Reunion in Bled mit immerhin elf AFSern, die damals auch in Texas waren – nicht nur, weil ich dieses Jahr – nach der Matura und vor meinem Studium – als besonders leicht, lustig und unbeschwert erlebt hab, nicht nur, weil ìch meine „AFS-exchange week“ – als einzige Weiße in einer gesamt schwarzen Schule – als extrem bereichernd empfunden habe,
sondern auch, weil dieses Jahr den Grundstein zu meiner Medienkarriere gelegt hat: Weil ich mich nämlich in meinem frei wählbaren Stundenplan u.a. für „Speech“ als Unterrichtsfach entschieden habe, etwas, was es SO in Österreich weder gab noch gibt. Denn „Speech“ – also die „freie Rede“ – hat nichts mit den bei uns üblichen „Redeübungen“ zu tun. Dank dieser schulischen Vor-Übung wurde mein erster TV-Auftritt, den ich nur aus Jux und Laune getätigt habe, zu einem großen Erfolg – und der Stein kam ins Rollen…
Somit verdanke ich dieser Organisation durchaus viel – was mich dazu bewogen hat, auch meinen drei Kindern ein AFS-Jahr nahe zu legen. Alle drei haben sich für ein Semester während der sechsten Klasse entschieden – zwei waren in Südamerika, eine in Frankreich – und ich denke, dass alle drei ähnlich schöne Erfahrungen gemacht haben.

In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch – auf die nächsten 70 Jahre!