Lernen durch Erleben

Ein Bericht von Lukas Lakitsch, Lukas Meinhardt und Yanik Jaksch – 3 Lehrlingen der Berufsschule Eisenstadt:

Für einen großen Teil der Schülerinnen und Schüler ist es das erste Mal das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu besuchen – für manche sogar das erste Mal mit einem Flugzeug zu reisen. Die Anspannung ist dementsprechend groß.

Sind die Vorurteile wahr? Hat jeder Amerikaner eine Waffe? Sind wirklich alle Amerikaner übergewichtig? Sind sie wirklich alle patriotisch? Gibt es wirklich jeden Tag Partys? Ist für die Amerikaner das Auto das Statussymbol?…

All diese Fragen schwirren uns durch den Kopf, als wir nach einer langen Flugreise endlich wieder festen Boden betreten. Nach einer kurzen Busreise in einem klassisch amerikanischen Bus – wie man ihn aus den Filmen kennt – erreichen wir endlich unsere Unterkunft – die Miami University Dorms.

Das Ambiente des Campus ist sehr beeindruckend. Alle Gebäude sind im selben Stil gebaut und es scheint wie ein kleines Dorf zu sein. Immerhin beträgt die Fläche des ganzen Campus 850 Hektar.

Dort angekommen, werden wir von Pat McNab und Dan, unseren amerikanischen Betreuern, sehr herzlich begrüßt und mit dem Campus vertraut gemacht. Das typisch amerikanische Essen – Pizza und Chicken Wings – von einem lokalen Restaurant kräftigt uns nach einem langen und anstrengenden Tag. Der Wunsch endlich schlafen gehen zu können überwältigt uns. Trotz der vielen neuen Eindrücke schlafen wir alle rasch ein.

Ein ungewohntes Gefühl ist es plötzlich um 06:00 Uhr aufzustehen, während Freunde und Familie daheim in Österreich gerade schlafen gehen. Die ersten paar Tage sind für uns alle eine gewisse Einfindungsphase. Es dauert einige Tage bis wir den „Jetlag“ überwinden. Im Alltag nur in englischer Sprache zu kommunizieren, ist ebenfalls eine Herausforderung und für manche eine neue Erfahrung. Die Menschen in Amerika sprechen natürlich schneller und haben auch gelegentlich einen eigenen Akzent, an den man sich erst einmal gewöhnen muss. Unsere Sprachkenntnisse können wir dadurch aber stark verbessern. „Jetzt verstehe ich auch unsere Kundinnen und Kunden besser, die eine andere Muttersprache haben als ich“, so Jaqueline Hanek.

Umgangsformen und Traditionen sind teilweise sehr verschieden. Zum Beispiel der sehr freundliche und bedachte Umgang mit Kunden in Restaurants und Geschäften aller Art. Überall wird man außerordentlich freundlich begrüßt und man wird auch immer gefragt, wie es einem geht. Eine sehr ungewohnte Situation, da man eine so überfreundliche, aber auch etwas aufdringliche Art in Österreich nicht wirklich kennt.

Durch den Studenten Ryan, der unser „Aufpasser“ ist, erhalten wir Eindrücke über das Studentenleben eines Amerikaners. „Er vermittelt uns, dass die amerikanischen Studenten viel Sport betreiben, regelmäßig Partys feiern, viel im Selbststudium mit freier Zeiteinteilung lernen müssen und die Verantwortung für das Lernen beim Studenten selbst liegt. Es studieren vor allem junge Leute, die es sich finanziell leisten können oder ein Stipendium erhalten“, resümiert Lukas Lakitsch.

Egal mit welchen Amerikanerinnen und Amerikanern wir sprechen, jeder hat auch Vorurteile gegenüber uns Österreichern. Wir würden den ganzen Tag lang nur Schnitzel essen und immer nur in Lederhosen herumlaufen, so die Meinung einiger amerikanischer Studenten. Wenn man sagt, dass man Österreicher ist, hat man definitiv die Aufmerksamkeit der gesamten Anwesenden, die einem gespannt und interessiert zuhören und uns mit Fragen löchern. „Interessiert hat sie vor allem das Bild „Wohnen in einsamen Berghütten, die Welt in Bezug auf Sound of Music, und der Nationalsozialismus“, so Lukas Meinhardt.

Ein Ziel des Austausches ist es, die Wirtschaft in Amerika näher kennen zu lernen. Daher gibt es einige Betriebsbesichtigungen. Unter anderem besuchen wir das Schulbüro um dort Eindrücke über die Arbeitsweise im Büroalltag zu sammeln.

Da gerade Ferien sind, wirkt die nette Dame nicht so gestresst, doch sie schildert uns in der Hauptsaison jeden Tag mehrere Überstunden zu machen. Sie muss Studentenkonten anlegen und diese dann im Laufe des Semesters bearbeiten. Ihr Aufgabengebiet scheint aber sehr interessant, da sie uns auch berichtet mit den Studenten viel in Kontakt zu sein. Der Büroberuf in den USA scheint überhaupt ganz anders als bei uns zu sein. In Österreich sitzen Bürokaufleute meistens nur im Büro und gehen ihrer Arbeit nach, in den USA hingegen sind diese auch im „Außendienst“ tätig.

Auch die teilnehmenden Tourismus- und Bäckerlehrlinge, welche beim Austausch mit dabei sind, kommen nicht zu kurz. Sie erhalten einen Einblick, wie die Verpflegung für die fast 20.000 Studentinnen und Studenten hergestellt wird und wie die Logistik vom Lebensmitteleinkauf bis zur Essensausgabe funktioniert. Um für eine so große Anzahl an Menschen ausreichend Lebensmittel zu Verfügung zu haben, hat die Miami University einen eigenen riesigen Lagerraum und einen großen Produktionsbereich, in dem die Speisen zubereitet werden. Es ist sehr interessant zu sehen wie sie es schaffen, so eine unmöglich erscheinende Aufgabe zu lösen. Bewältigt kann das nur werden, da alle Produkte bereits vorgefertigt in die Küche zur Weiterverarbeitung kommen. So sind die Nudeln bereits vorgekocht, die Karotten und Kartoffeln geschält und es wird nur mehr fertig gestellt.

Das Gebäck kommt von Industriebäckereien und diese geht vor allem in Richtung Sandwiches. „Eine Gebäckkultur, wie in Österreich gibt es nicht“, so die beiden Bäckerlehrlinge Manuel Hütter und Georg Wolf. Diese beiden können mit ihren Backkünsten die Amerikaner begeistern, indem sie Striezel, Handsemmeln und Vollkornbrot in der Campus-Bäckerei herstellen. „Es ist nicht einfach österreichischen Standard zu erreichen, da die Qualität der Hefe und des Vollkornmehls geringer und schwer verfügbar ist“, berichten die beiden Bäckerlehrlinge.

Die Lehrlinge aus dem Bereich des Einzelhandels können auch einen Einblick in das Arbeitsleben in ihrem Berufsfeld gewinnen. Sie besuchen einen Lebensmittelgroßhandel namens Jungel Jim’s. Dieses Geschäft ist mit kaum einem Geschäft in Österreich vergleichbar. Ein Produktbereich dort, zum Beispiel der Bereich für Süßigkeiten, ist so groß wie ein Lebensmitteleinzelhandels-Geschäft bei uns. Wir werden von einem Mitarbeiter durch das Unternehmen geführt und erfahren ein paar interessante Fakten. So gibt es im Geschäft zum Beispiel einen Hochzeitssaal, alles ist vergnügungsparkartig aufgebaut und es gibt Produkte aus der ganzen Welt. Das Geschäft ist nach Ländern oder nach Produktgruppen aufgebaut. Leider gibt es keine Österreichabteilung. Produkte aus Österreich, wie Manner-Schnitten oder Mozart Kugeln findet man in der Deutschlandabteilung.

Ein Besuch, der sicher allen lange in Erinnerungen bleiben wird, ist der im Hotel 21c. Dieses Hotel ist ein Hotel im klassischen Sinn. Es ist eine Kombination aus einem Museum und Hotel. Als wir im Hotel ankommen, gibt es für uns ein Gericht unserer Wahl aus dem Restaurant. Es sind typisch amerikanische Speisen. Nach dem Essen führt uns der Chief Executive Officer (Geschäftsführer) des Hotels durch das Museum. Er erzählt uns einige Geschichten und Fakten über das Gebäude und über einige Begebenheiten. „Das Servierpersonal ist sehr freundlich, korrekt und ungezwungen, aber an das amerikanische Essen muss man sich erst gewöhnen“, meint Jana Esser ein Tourismuslehrling.

Auf die Frage, welche Erfahrungen und Erkenntnisse sie mitgenommen haben und ob sich die Vorurteile bestätigt haben, meinen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Was die Vorurteile betrifft hat sich für mich der „amerikanische Patriotismus“ voll bestätigt. Die Flagge hat eine hohe Bedeutung, die Farben weiß, blau, rot, wie man sie in der Fahne findet stehen im Mittelpunkt. Aber, dass die Amerikaner „alle“ dick sind, hat sich überhaupt nicht bestätigt. Im Gegenteil, am Campus waren alle sehr schlank und auf den Straßen sieht man auch nicht so viele dicke Menschen“, so das Resümee von Lukas Meinhardt.

Dass alle Amerikaner eine Waffe tragen, ist eine Metapher. Auf dem Universitätsgelände herrscht ein Waffenverbot. Man sieht nur selten Zivilisten, die eine Waffe tragen. Was man aber gemerkt hat ist, dass kritische Meinungen zur politischen Situation in Amerika unerwünscht sind. Das österreichische Sozialsystem in Österreich ist für die amerikanischen Studenten kaum verständlich“, stellt Lukas Lakitsch fest.

Ich habe den Eindruck, dass auf das Essen nicht viel Wert gelegt wird. Man hat wenig Zeit zum Essen, verzehrt vor allem Fingerfood und bevorzugt vor allem Süßes. Aufgefallen ist mir, dass für unser Verständnis Partys früh beginnen, um ca. 18:00 Uhr, aber auch früh enden. Nämlich um Mitternacht, spätestens um 2:00 Uhr früh“, beobachtet Jana Esser.

Yanik Jaksch hat den Eindruck, dass die Wirtschaft risikobereiter, schnelllebiger, aber auch kurzfristiger agiert. „Ich habe das Gefühl, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner sehr selbstkritisch sind. Wenn du keinen Erfolg hast, hast du zu wenig Einsatz und Leistung gebracht, so die weitläufige Einstellung. Der „American dream“ – vom Tellerwäscher zum Millionär – lebt meiner Ansicht nach wie vor.“

Wir haben unsere englischen Sprachkenntnisse sicher verbessert, den Sprachschatz ausgebaut, einen größeren Weitblick bekommen, ein anderes Sozialsystem kennengelernt und eine andere Kultur erlebt. Das lernt man nur, wenn man es auch erleben kann. Das bleibt uns sicher immer in Erinnerung. Wir sind dankbar, dass wir an diesem Projekt teilnehmen konnten“, so unisono die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dem Austauschprojekt.