Hey, ich heiße Emil. Ich habe 10 Monate in den USA verbracht. Im Einleitung-Schreiben bin ich nicht wahnsinnig gut, deswegen fange ich jetzt einfach an. Wenn ich mich nicht irre, hatte ich eigentlich keinen extrem guten Grund, ins Ausland zu gehen. Ich wollte einfach Leute kennenlernen und mal was ganz anderes erleben. Oh, fast hätte ich’s vergessen: Ursprünglich wollte ich nach Kanada, damals dachte ich noch, ich könnte Eishockeyprofi werden. Das ist sich aber vom Geld- und Stipendienmäßigen nicht ausgegangen, deswegen bin ich dann in die USA.
Ich hatte bis zu einer Woche vor meiner Abfahrt noch keine Ahnung, in welchen Bundesstaat ich geschickt werden würde. Auf jeden Fall bin ich schlussendlich in
Georgia gelandet. Sie lieber Leser*innen, können sich nicht vorstellen, wie unglaublich glücklich ich im Nachhinein bin, in diesem südlichen Bundesstaat gelandet zu sein, von dem ich davor noch nie etwas gehört hatte. Danach ging alles voll schnell: von einem Tag auf den anderen Koffer packen – und dann sitzt man plötzlich alleine in einem riesigen Flugzeug.
Am Flughafen wurde ich von meiner Gastfamilie mit einem superlieben Schild abgeholt. Ich hatte zwei Gastschwestern, die ich so wahnsinnig liebe, als wären sie meine leiblichen Schwestern. Mir wurde schon in der Autofahrt zu ihrem Haus sehr schnell klar, dass ich mit ihnen Witze machen konnte und dass mein Englisch doch
nicht so schlecht war, wie ich dachte. Alles ging wieder super schnell: ich bekam mein Zimmer, wir gingen Sachen für mich einkaufen, und plötzlich saß ich in einem Klassenzimmer mit lauter Amerikanern. Die größere Gastschwester besuchte dieselbe High School wie ich, was es noch viel einfacher machte, Freunde zu bekommen. Sie stellte mich einem Haufen ihrer Freunde vor – das war wirklich cool.
An meinem dritten Tag nahm mich meine Gastschwester auf ein Zach-Bryan-Konzert mit. Falls Sie Zach Bryan nicht kennen: Er ist Country-Sänger. Folgedessen trugen fast alle Leute beim Konzert Cowboystiefel und Hüte. Das war mein erstes richtiges Konzert überhaupt – unvergesslich und auch ein riesiger Kulturschock. Sofort habe ich gemerkt, dass die Amerikaner wirklich interessiert an mir sind und viel freundlicher und aufgeschlossener als fast jeder Österreicher.
Mit jeder Woche wuchs ich enger mit der Gastfamilie zusammen. Sie haben so einen anderen Erziehungs- und Kommunikationsstil als meine Eltern. Ich konnte mit meiner Gastmutter schon nach drei Wochen wirklich offen reden, ohne dass es sich irgendwie komisch angefühlt hätte. Mein Gastvater war fest überzeugt, dass er mich
zum Football-Fan machen konnte. Zu dem Zeitpunkt fand ich Football extrem langweilig. Ich war überzeugt, den Sport nie interessant zu finden – wie falsch ich lag. Mein erstes Footballspiel war ein High-School-Match, bei dem jeder Schüler schwarz trug, um in die „Student Section“ zu passen. Ich muss sagen, dass Footballspiele einer der besten Orte waren, um Freunde zu finden – jeder war in einer guten Stimmung.
Meine Gastfamilie nahm mich mit auf ihren Trip nach Texas. Texas war extrem cool, dort aß ich das mit Abstand beste BBQ meines Lebens. Die Timeline meiner
Erzählungen ist nicht perfekt, deswegen ist alles ein bisschen durcheinander. Meine Gastfamilie nahm mich auch nach Florida mit, wo sie mir sogar anboten, einen Freund mitzunehmen – was ich natürlich tat.
Ich weiß nicht, ob Sie vertraut sind mit College Football, aber es ist verrückt. Meine Gastfamilie hatte Saisonkarten fürs Stadion. Das Georgia-Bulldogs-Stadion hat über 90.000 Plätze – und übrigens: die sind immer alle ausverkauft. Ich war bei extrem vielen Spielen und vermisse dieses Gefühl heute so sehr. Jeder ist glücklich, und
meine Gastschwester war immer dabei, die mir alles erklärte.
Zu Weihnachten nahmen sie mich nach New York mit, wo sie Familie hatten. Um voll ehrlich zu sein: New York hat mir nicht so gefallen. Irrsinnig viele Touristen und es
war schweinekalt. Kurz vor dem New-York-Trip wurde übrigens genehmigt, dass ich verlängern durfte, um für das zweite Semester zu bleiben. Ich bin so wahnsinnig froh, dass ich das Privileg hatte, zu verlängern. Im zweiten Semester wuchs ich noch enger mit meiner Gastfamilie zusammen. Mein Freundeskreis veränderte sich auch,
da ich nun die Leute gefunden hatte, die mich für mich mochten und nicht nur die, die Interesse an einem „exotischen Europäer“ hatten.
Es gab auch AFS-Camps in den USA. Dort traf ich ein wahnsinnig nettes Mädchen, mit dem ich eines Abends ein langes Gespräch hatte. Ich erzählte ihr von meiner
Aufgabe, dass ich diesen Bericht schreiben musste und nicht wusste, wie ich anfangen soll. Sie meinte, dass ich einfach genauso schreiben soll, wie es mir in den
Kopf kommt, ohne wahnsinnig viel darüber nachzudenken. Sie hatte vollkommen recht, aber dafür ist mein Text wahrscheinlich ein bisschen unschön zu lesen. Na ja.
Ich hoffe, ich habe Ihre Zeit nicht verschwendet – jetzt kommt nämlich der Part, der mir wirklich wichtig ist. Ich möchte diesen letzten Teil meiner persönlichen Entwicklung widmen. Als ich in die USA gefahren bin, war ich ein 15-jähriges Einzelkind, das dachte, schon vieles zu wissen – in Wirklichkeit hatte ich aber noch eine Menge zu lernen. Ich wusste auch nicht, dass man mit Mädchen befreundet sein kann (verrückt, oder?). Ich bin nach Athens, Georgia gefahren, ohne eine Menschenseele dort zu kennen. Und ich habe dort einfach so viel Liebe bekommen – einfach dafür, dass ich ich selbst war. Ich konnte unsicher sein, ich konnte mich schlecht fühlen, ich konnte überdenken – und ich konnte trotzdem erfolgreich sein. Trotz all dieser Faktoren konnte ich am Ende mich selbst schätzen. Diese Sicherheit, Fehler zu machen und trot dem geliebt zu werden, war so wahnsinnig gut für mich.
Im Endeffekt habe ich erkannt, dass man nicht in allem hochbegabt sein muss und auch nicht immer die richtigen Worte finden muss, um eine wertvolle Zeit zu haben –
ob in Österreich oder im Ausland. Man kann Schwächen haben und trotzdem wunderbare Erfahrungen machen. Ehrlich gesagt kann ich mir mein Leben ohne dieses Auslandsjahr gar nicht mehr vorstellen. Es hat h mich stark geprägt und verändert – und dafür bin ich unglaublich dankbar.


Schüler Emil war im Schuljahr 2024/25 in den USA und wurde dafür mit einem Teilstipendium von der AFS Stipendienstiftung unterstützt.

